Pfäffikon - Pfeffer
Pfäffikon - Pfeffer
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Erlebt und geschrieben von Marcel Bodmer

Was schreibst du als relatives Greenhorn in einer Flugstafette zwischen den Beiträgen zweier Legenden des Gleitschirmsports?
Ganz einfach: Du widmest dich Themen, die vor allem AnfängerInnen betreffen.
Also: Es war Ende Mai 2026. Ein strahlend schöner Frühsommertag. Das «Flügergrüppli», welches durch eine weitere Fluglegende, Erich Blättler, begründet wurde, ist eine freie Chat-Gruppe mit weit über 100 Mitgliedern, ihr Hausberg ist der Hüsliberg. Am 29.05. sieht es jedoch nach Bisen- Lage aus, Erich macht wie immer eine Umfrage innerhalb des Flügergrüplichats. Eine überwältigende Mehrheit entscheidet sich an dem Tag aus guten Gründen für Gschwänd / Galgenen.
Auf der DCZO Homepage wird ja die Thermikprognose für die Alp Scheidegg, wie auch für den Hüsliberg und eben Gschwänd / Galgenen, öffentlich und gratis (und auch relativ zuverlässig) zur Verfügung gestellt. Ein mächtiges Hilfsmittel, welches auch durch das Flügergrüppli jeden Tag genutzt wird.
Meine Flugvorbereitung am 29.05.26 ist leider nicht mehr präsent. Das Flügergrüppli besteht aus weiteren sehr erfahrenen Gleitschirmpiloten: Reto, Roger, die beiden Roebis, Daniel-san, Chris und viele mehr, die hier mehr als verdient hätten, erwähnt zu werden. Alle sind sie an diesem Tag präsent und warten am Startplatz auf den richtigen Augenblick.
Ihr seht schon, der Gleitschirmsport ist ein einsamer Sport, in der Luft und häufig auch in der Vorbereitung, aber wenn es darum geht, eine -mindestens- Zweitmeinung einzuholen, dann sind solche Zweitmeinungen am entsprechenden Flugtag Gold wert, um in der Luft und später auch am Boden sicher anzukommen.
Am 29.05. ist einmal die erste Frage: Wann starten? Ist es dann, wenn die Sonne am höchsten steht - Mittagszeit? Dann wenn die Temperatur ihren Tageshöhepunkt erreicht, so um die 15 Uhr an diesem Tag? Wenn die thermischen Ablösungen durch ihr Pulsieren anzeigen, dass es nicht mehr besser wird?
Mir kommt in den Sinn: Ok, du sollst dann starten, wenn der thermische Puls am Anfang steht, nicht am Ende oder in der Mitte. Zuerst also seine fünf Sinne anstrengen und spüren.
Mein Epsilon - also ein zuverlässiger Gleitschirmtraktor - wird flankiert durch ein Sitzgurtzeug von Woody Valley, und zusammen geben sie eine unwiderstehliche Sicherheitskombo ab. Sie sind das Fundament für mein Sicherheitsgefühl in der Luft und haben mich bis jetzt durch jede Turbulenz gebracht, ohne Verletzung.
Ok, ein paar blaue Flecken, aber sonst immer im grünen Bereich.
Also: Spüren ist angesagt, ich warte schon seit ca. 14 Uhr, schiele selbstverständlich auch insgeheim auf die ‘Profis’ und schaue, ob einer sich in die Luft wagt. Falls eines meiner ‘Role models’ absäuft, muss ich es ja gar nicht erst versuchen…
Um 15 Uhr 46 ist es dann so weit, der Schirm liegt bereit, alles eingehängt, bereit für den dynamischen Rückwärtsstart. Der Start gelingt. Der anschliessende Geradeausflug bringt mich über das erste Hindernis: Die bekannten Tannen unterhalb des Startplatzes. Schon mancher Pilot erlebte dort, bei der Baumlandung, das jähe Ende seines geplanten Fluges.
Zuerst spüre ich unscheinbares Steigen, für mich ein Nullschieber. Bis ca. 16 Uhr ist Geduld gefragt. Das Umkurven anderer Gleitschirme sowie das Vermeiden von Höhenverlusten fordern mir sämtliche Konzentrationsenergien ab - bin ja ein Greenhorn.
Immerhin, so sagt meine elektronische Freundin, das Vario, kann ich ca. 80 Meter Höhengewinn verbuchen. Ich erinnere mich an Kari Eisenhuts Buch: »Transalp» und seinen Vortrag beim DCZO im Januar 2026. Er schreibt: Um gut auf Strecke gehen zu können, musst du so lange wie möglich in der Luft bleiben. Im Kurs, den ich im Mai 2026 bei ihm besuchen durfte, schärft er mir noch ein: «Nutze den Startschlauch so lange, bis du nicht mehr weiter steigen kannst; es ist vielleicht der Einzige, dem du auf deinem Flug begegnest.» Dies hilft, meine Geduld wächst – unüblicherweise. Ich steige auf 1457 AMSL, ca. 400m AGL. Mein Zuversichtsbarometer steigt mit jedem Meter Höhengewinn. Mittlerweile über dem Pfiffegg kreisend, steige ich weiter, der Wind pfeift in meinen Ohren, übertönt stellenweise den Pieps im Vario. Um 16 Uhr 36 erreiche ich den höchsten Punkt meines Fluges mit 1924 AMSL und 670m AGL.
Ich möchte nun so weit wie möglich in die Richtung und die Nähe von Pfäffikon fliegen. Dort hätte ich eine ideale ÖV-Verbindung nach Hause. Ich sehe vor mir Reto mit seinem atomar gepimpten D-Schirm Richtung Etzel fliegen. Ok, denke ich mir, den hole ich nicht ein. Weder kann ich mit seinen Skills noch mit der Gleitleistung seines Schirms mithalten. Aber wer weiss? Vielleicht doch Pfäffikon?
Unvermitteltes Sinken bringt meine Gleitschirmträume in demselben Augenblick wieder auf Gegenwartsniveau herab. Ich sinke ca. 20 Minuten, bis ich um 16 Uhr 56 meinen vorläufigen Tiefpunkt erfliege: 1043 AMSL und 300m AGL. Über meiner Lieblingshochspannungsleitung oberhalb von Altendorf beginnt die Steigphase. Ich erinnere mich an Chris’ Ratschlag: «Im Thermikschlauch immer mit Gewichtsverlagerung arbeiten.» Ich verlagere mein Gewicht in den Schlauch hinein. Später wird sich zeigen, dass ich noch nie so regelmässige Thermikkreise, wie mit dem Zirkel gezogen, hinbekommen habe. Ausschliesslich mit Gewichtsverlagerung fliege ich den Bart aus, bis es nicht mehr geht. In bloss 7 Minuten konnte ich so ca. 500 Meter Höhengewinn verbuchen. Das Gefühl dabei: Unbeschreiblich schön, ohne Hilfe der Steuerleinen, bloss mit der Gewichtsverlagerung und bloss durch den schwachen Wind versetzt, ist eine majestätische, beglückende Erfahrung.
Ich bin nun sehr zuversichtlich und leite meinen Direktflug nach Pfäffikon ein. Vollgas gerade aus. Richtung Etzel versuche ich auch noch aufzudrehen. Dies gelingt nicht mehr. Die Linie, die ich wähle, lässt jederzeit ein Landen zu. Pfäffikon mit seinen Hochhäusern ist nicht unbedingt ein gemütlicher Ort, um zu landen.
Ich verliere Höhe, bleibe aber auf der ganzen Strecke bis zur ‘Landewiese’ beim Bahnhof auf ca. 250m über Grund.
Die Abbaukreise über der Badi Pfäffikon, mit der Seesicht wie bei ‘Blue lagoon’, dieses einmalige Aquamarinblau, setzten dabei nochmals einen Schlusshöhepunkt. Das anschliessende Landen ist bei ca. 15 km/h Gegenwind ein Kinderspiel.
Das Tüpfelchen auf dem i: ‘Meine’ S5 fährt nach dem obligatorischen Zusammenpacken und den drei Minuten Fussweg bereits nach vier Minuten ab.
Zu Hause: Mein Flugbuch auf Burnair zeigt mir dann, dass ich doch immerhin eine Stunde und 40 Minuten in der Luft war.
Nicht mein längster, aber mein schönster Flug in diesem Jahr.
Der nächste Stafettenbeitrag wird verfasst von Renate Kündig.


