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Mein 1’000ster Flug


05. Januar 2026

Mein 1’000ster Flug

  • Erlebt und geschrieben von Thomas Kamps
Dem Jura entlang
Dem Jura entlang
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Vielen herzlichen Dank an Simon für die Übergabe des Stafettenstabs und das super Beispiel für gutes Go East Training.

Trotz der Go East Vorlage entführe ich euch in ein Abenteuer, das schon einige Jahre zurückliegt. Seit meiner Ausbildung führte ich fleissig ein Flugbüchlein, in dem ich jeden Flug notierte. Als ich vor nunmehr 10 Jahren in den Jura fuhr, hatte ich genau 998 Flüge und freute mich auf den 999. Flug, davon möchte ich berichten.

Es ist ein prächtiger Tag im Mai. Die Prognose verspricht viel Sonne, wenig Wind und kräftige Frühlingsthermik. Ich plane einen Hike und Fly abseits der beliebten Startplätze und fahre mit der SBB bis Biel und dann in den Jura nach La Huette. Von dort aus führt ein wunderschöner Weg auf den Werdtberg, einen Gipfel etwa 2 km westlich vom Montoz. Der Werdtberg ist wunderbar zum Fliegen, der Start in Richtung Nord / Nordwest ist gross und einfach. In Richtung Süden hingegen ist der Startplatz sehr flach und am Ende müssen Bäume überflogen werden. Es braucht hier etwas Aufwind.

Oben angekommen bereite ich mich bei quasi Nullwind auf den Südstart vor. Über mir baut sich schon eine Wolkenstrasse auf und schon jetzt, vor 12 Uhr sind viele Schirme in der Luft, aber kein Lufthauch am Start. Probieren geht über Studieren! So ziehe ich den Schirm bei Nullwind auf und starte. Ob es über die Bäume reicht? Kaum in der Luft merke ich schon: das wird mehr als knapp. Also fliege ich eine kurze, beherzte Kurve, bremse und stehe nach einigen Sekunden Flug rechtzeitig vor den Bäumen wieder am Boden. Ein Start, eine Landung: das ist schon ein ganzer Flug. Nummer 999! Und jetzt weiss ich, der nächste Flug ist der tausendste, und der wird hoffentlich länger dauern als fünf Sekunden.

Jetzt ein zarter Aufwind. Diesmal komme ich besser in die Luft. Es reicht gut über die Bäume. Gleich kommt die Abrisskante, das Vario beginnt seine Arbeit, piepst, es geht nach oben. In praktisch einem Zug steigt es auf fast 2'200 Meter. Der ganze Jura liegt unter mir. Der Bielersee, der Lac de Neuchâtel, die Aare, alles scheint erreichbar. In der Höhe ist ein leichter Westwind prognostiziert und mein Plan ist, soweit wie möglich in Richtung Zürich zu fliegen. Ich freue mich, hat der Start doch noch geklappt und alles verspricht, dass es ein würdiger tausendster Flug wird.

Vorbei geht es an der Hasenmatt und am Weissenstein. Ganz langsam wird der Westwind spürbar und schiebt an. Der Sprung zum Stierenberg gelingt. Zusammen mit vielen anderen Schirmen und Seglern geht es weiter in Richtung Oensingen. Der nächste Sprung über die Klus ist manchmal eine Herausforderung. Er gelingt heute leicht.

Und plötzlich taucht am Horizont ein weisser, senkrechter Strich auf und zieht mich in seinen Bann: es ist die Dampffahne des Atomkraftwerks Gösgen. Wie ist es wohl, diesen Lift zu probieren? Plötzlich habe ich diese Idee im Kopf. Je näher ich nach Olten komme umso mehr überlege ich: soll ich oder soll ich nicht? Alles sieht so verlockend aus. Der Dampf steigt senkrecht auf, löst sich auf, und ganz oben jenseits der 2'000 Meter markiert eine kleine Kumuluswolke die atomare Thermik.

Anflug auf Gösgen. In der Mitte erkennt man knapp über den Alpen einen Segler.
Anflug auf Gösgen. In der Mitte erkennt man knapp über den Alpen einen Segler.

Irgendwann entdeckte ich Segelflieger, die sich hier hochschrauben. Wäre das nicht das Sahnehäubchen auf dem tausendsten Flug? Noch habe ich viel Höhe, es sind mehr als 1'600 Meter und ich kann mit einer gewissen Sicherheitsmarge dort einfliegen. Die Entscheidung ist gefallen. Jetzt oder nie!

Nach Olten verlasse ich die Krete und nehme mit Neugier aber auch mit einem flauen Gefühl im Magen Südostkurs Richtung Gösgen. Das Kraftwerk kommt immer näher, noch ist kurz Zeit für ein paar letzte Fotos. Zwei Milane überholen mich und fliegen schnurgerade Richtung Kraftwerk. Sie ahnen wohl nicht, dass unten Uranatome gespalten werden, aber wissen, dort steigt es. Gleich sind wir drin.

Plötzlich reisst es meine gefiederten Vorflieger nach oben. Sie geraten gehörig in Schieflage. Das ist kein gutes Vorzeichen für mich. Festhalten, es geht los! Dann beginnt ein Ritt auf der stärksten Flachlandthermik, die ich je erlebte. Es zieht mich heftig nach oben! Ich bin vollauf damit beschäftigt, den Schirm offen zu halten, es ist grausam turbulent. Das Vario schreit, zentrieren, das Steigen nimmt nochmals zu. Nach einem Kreis lese ich neun Meter pro Sekunde auf der Anzeige. Es ist viel stärker als je gedacht. Schon beim zweiten Kreis komme ich der TMA auf 2'000 Metern sehr nahe. Das reicht jetzt! In Adrenalin gebadet fliege ich aus der Thermik. Wieder Turbulenzen. Es steigt noch weiter, dann nimmt es ab, kurz unter der TMA hört es endlich auf. Ruhe. Jetzt erst einmal durchatmen. Ich bin froh, diesem Ofen entflogen zu sein. Mit nur zwei Kreisen habe ich 300 Höhenmeter gemacht. Es war unerwartet heftig und turbulent.

Der Rest des Fluges ist schnell erzählt. Kurs Richtung Aarau und dann weiter nach Lenzburg, wo mich eine grosse Wiese zum Landen einlädt. Ein alter Gleitschirm-Hase sieht mich landen, nimmt mich im Auto mit bis zum Bahnhof. Er ist der erste, dem ich brühwarm das Erlebte erzähle und wir haben beide Freude.

Warum ist die Atomthermik so stark?
Sehr wahrscheinlich spielt hier die Feuchtigkeit der Luft eine wichtige Rolle. Die aus dem Kühlturm aufsteigende Luft hat, der Dampf beweist es, 100 Prozent Luftfeuchte. Die Luft ist warm und durch den hohen Gehalt an Wasserdampf deutlich leichter als die Umgebungsluft. Am Tag meines Fluges erreichte diese feuchte Luft noch eine Schicht sehr trockener und damit schwererer Luft, was ihr hoch oben nochmals einen Kick gab.

Das damalige Emagram zeigt die trockene Luft.
Das damalige Emagram zeigt die trockene Luft.

Bei der Recherche zu meinem Stafettenbeitrag stiess ich noch auf einen Flug des sympathischen Gleitschirmfliegers und mittlerweile Streckenflug-Pensionärs Philipp Steinger. Er flog 2011 auch über das Kraftwerk. In seinem Flugkommentar schrieb er: "... Von da an kam ich während den nächsten 90 Sekunden in Teufels Küche. Tami nomal! Es fing mit 8 Meter an zu steigen und dann plötzlich über 10 Meter! Weiss nicht ob die AKWler heute noch einen Brennstab zusätzlich eingespannt haben." An anderer Stelle liest man aber auch, dass der Schlauch fliegbar und hilfreich sei. Alles ist möglich. Es kommt wohl auf die aktuelle Leistung des Kraftwerks und die aktuellen atmosphärischen Bedingungen an.

Würde ich es nochmals machen? Auf gar keinen Fall, dieses eine Mal hat völlig genügt! Und ich kann es auch niemandem empfehlen. Das ist einfach zu unheimlich, wenn da etwas schiefgeht! Stellt euch vor, für die Rettung aus dem Monster würde in mehreren Kantonen der Strom abgestellt, der prominente Platz im Blick und der Tagesschau wäre dir sicher. Lieber nicht! Ein Gleitschirm ist nicht das geeignete Fluggerät für diese Art von Thermik. Von dieser Abenteuerlust bin ich geheilt. Und auch wenn der aufsteigende Dampf von unten gesehen, gemächlich in Richtung Stratosphäre wabert, dieser Schlauch hat es in sich! Es war ein aufregender, aber einmaliger Jubiläumsflug, der mir für immer in Erinnerung bleibt.

Ich freue mich, den Stafettenstab an Flo weiter geben zu dürfen und bin auf seinen Beitrag sehr gespannt.