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Drei Übernachtungen in den Bergen


20. Mai 2026

Drei Übernachtungen in den Bergen

  • Erlebt und geschrieben von Thomas Conzett
Vorlesen

Mein erster Hüpfer mit einem neunzelligen „Fallschirm“ liegt 38 Jahre zurück. Seither haben sich unzählige herrliche und einige zweifelhafte Flugerlebnisse angesammelt. Unvergesslich sind vor allem die Unternehmungen mit den Kameraden vom Alpinen Gleitschirmclub iisvogel den wir zu viert anno 1991 ins Leben riefen, um unsere Bergtouren bequemer und spannender zu gestalten.

Hier drei meiner vielen Erinnerungen:

 

Kalte Nacht

Das Postauto kam kurz nach Mittag in Brigels an. Im Rucksack massenhaft Optimismus, machten wir uns durchs Val Frisal zum Bifertenstock (3418 m) auf. Normalerweise beginnen solche Touren mit dem ersten Hahnenschrei. Spätnachmittags stehen wir auf dem Gipfel. Starke Böen. Starten unmöglich. Morgen wird es sicher besser…   Also  hier übernachten. Mit Felsbrocken wird ein Windschutz gebaut. Ein Schirm als Matratze, der andere als Decke. Der geplante Abendflug zur Fridolinshütte, als Ausgangspunkt für die Folgetour auf den Tödi, fiel aus. Ohne Z’Nacht ins Bett! Die Strafe für unseren Übermut. Schneebälle löschen den Durst. Der Wind blies auch am Morgen zu heftig. Rückzug nach Brigels.

Einige Jahre später gelang der Start vom Biferten.

  • Startplatz dem Gipfeleisfeld
  • Biwakplatz am höchsten Punkt
  • Rechts unten: Val Frisal und Surselva
  • Am linken Rand: Muttsee

Der Flug vom Tödi musste jedoch rund drei Jahrzehnte warten: Wir stiegen via Planurahütte über die abenteuerliche Westflanke.
Danilo Bargen beschrieb hier im vergangenen September den „Zustieg“ bis zur Hütte.

 

Lustige Nacht 

Ein veritabler HÖHEPUNKT war der Flug vom Col Rodella auf den höchsten Dolomitengipfel, die Marmolata (3343 m). Die Gipfel-Hütte ist im Herbst unbewartet, aber der Schlafraum offen. Die acht iisvögel waren kurzentschlossen: Wir übernachten dort, nehmen ein feines Nachtessen mit und geniessen den Sonnenuntergang und -aufgang über den Dolomitengruppen. Weil ein Fussabstieg anspruchsvoll wäre, prüften wir sogar, ob der folgende Tag fliegbar ist. Gesagt getan, einkaufen, losfliegen und - oh Wunder - alle Kameraden meistern die Landung auf dem Gipfelfirn. Somit war das Nachtessen mitsamt Bier, Wein und Tischtuch komplett. Auch eine Bialetti fehlte nicht.

 

Mühsame Nacht

Der leider verstorbene Freund Ezio, obwohl im Tösstal aufgewachsen, auf dem Papier und im Herzen Italiener geblieben, wollte unbedingt von der Signalkuppe (4554 m) auf die italienische Seite, nach Alagna Valsesia (1148 m) gleiten.

Wir übernachten eingequetscht zwischen Zimmerdecke und dem dritten Stock eines Kajütenbetts in der nach Don Gnifetti benannten Capanna. Der Priester von Alagna Valsesia bestieg als Erster die Punta Gnifetti (Signalkuppe).

Wir bleiben am Morgen eine Stunde länger in der muffigen Kammer liegen. Dem unerträglichen Puff, das die chaotischen, oft überforderten Touristen in der engen Hütte beim Ankleiden, Packen, Frühstücken und auf der Toilette veranstalten, wollen wir aus dem Weg gehen. Anstelle von Eile haben wir schliesslich unsere Gleiter und sind sowieso Stunden vor allen anderen zurück im Tal…

Auf dem Gipfel thront die Capanna Regina Margherita. Zu Ehren der italienischen Königin so benannt. Sie bestieg die Signalkuppe anno 1893.

Unter der überhängenden Hüttenterrasse fällt die Südostwand mehrere hundert Meter schwindelerregend zu den Gletschern hinab. Unter uns erscheinen erste Anzeichen von hoher Quellbewölkung.

Den Espresso aus einer riesigen, silbrig-glänzenden Prachtskaffeemaschine lassen wir uns nicht entgehen. Welch ein Luxus auf dieser Höhe für die obligate Euromünze. Italiener!

Auf knapp 4500 m lässt sich Richtung West starten. Neben der Aufstiegsspur bricht der oberflächlich harte Schnee um wenige Zentimeter ein. Das Wendegurtzeug ist beladen mit Seil, Pickel, Steigeisen, Anseilgurt und weiterem alpinistischen Kram. An einer steilen Stelle lässt sich vermutlich besser starten. Der Schirm rutscht runter. Mit Schnee fixieren. Fehlstart. Vielleicht doch an den flacheren Platz, wo Ezio gerade hepchlep in die Luft gekommen ist?

Kein Windhauch, Mist. Dann halt ohne Wind, müsste ja locker klappen mit einem Ultralite… Entschlossen aufziehen, so schnell wie möglich losstapfen im brechenden Schnee mit schwerem Gurtzeug. Kein Zug auf den Gurten, kein Druck im Schirm, das Ding lottert über meinem Kopf umher. Gring ache u seckle!

Irgendwann ist die dünne Luft aus mir und dem Schirm raus und ich falle auf den Ranzen. Keuchend hochstapfen, ausruhen, etwas Schoggi mampfen, sorgfältig Auslegen. Oder wäre der Start auf der passend verlaufenden, hartgetrampelten Aufstiegsspur einfacher? Nein, da kommen noch etliche Seilschaften hoch. Leute, die teils am Anschlag sind und nicht sicher aus der Spur gehen würden.

Also nochmals. Aufziehen, beschleunigen. Mit Schwabelschirm komme ich etwas weiter. Das Gefälle nimmt minim zu. Vorne ist dann aber eine Spaltenzone mit Eisabbruch. Wieder ausgepumpt reisse ich alle Kraft zusammen und verspüre endlich Zug an den Gurten. Noch ein bisschen steiler jetzt, noch mehr Zug, aber die Beine können nicht schneller. Ich lasse mich ins Gurtzeug fallen und strecke die Schinken nach vorne. Der Schirm trägt mich nur wenige Zentimeter über dem Gletscher. Vielleicht half ein flauer Gegenwind? Das Gurtzeug kratzt leicht am Schnee, glücklicherweise hocke ich nicht auf. Endlich in der Luft! Tief schnaufend fliege ich nach links zum Colle Sesia und habe nun freien Blick nach Süden. Oh Schreck, vor mir, etwa 200 m tiefer, quoll während den Startversuchen eine geschlossen scheinende Wolkendecke auf. Jedenfalls sah sie im flachen Blickwinkel so aus. Ich krame sofort das Telefon aus der Brusttasche, um auf der Karte meine genaue Position zu sehen und in der Talmitte durch den Nebel zu stossen. Ein Blick zurück zur Signalkuppe offenbart eine Wolkenlücke vor der SE-Wand. Ist vermutlich schlauer, dort unter die Wolken zu gelangen. Unterhalb setzt Thermik ein. Nein, jetzt nur noch gemütlich abgleiten. Ezio wartet schon lange am Landeplatz. Wir beide sind erleichtert, dass es nicht zu einem mehrstündigen Fussabstieg kam… Von unten sah die Wolkendecke recht löchrig aus - wie es sich für beginnende Quellbewölkung gehört. Wieder etwas gelernt.

Ich bin alt. Die Berge scheinen von Jahr zu Jahr steiler und höher zu werden. Anstelle von Ochsentouren geniesse ich vermehrt bequeme Flüge ab der Scheidegg sowie die Mitgliedschaft im DCZO und bin glücklich, wenn es für eine Runde über den Bachtel oder sogar den Speer reicht. Auch eine halbe Stunde über den Tösshögern umegaagele ist ein schöner Zeitvertreib.

Unser Sport kann vielfältig in fast jedem Alter ausgeübt werden. Mich freut es, auf der Scheidegg die vielen jungen, engagierten und gut ausgebildeten Piloten zu sehen und manchmal ein paar Worte zu wechseln. Beeindruckend, ihre Fähigkeiten. Kaum brevetiert, werden da schon unglaublich wilde Flüge abseits der üblichen „Autobahnen“ gemacht. Respekt!

 

Gerne gebe ich den Stab weiter an Manu Bär.