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Von der Scheidegg nach Obergurgel (A)


21. Februar 2023

Von der Scheidegg nach Obergurgel (A)

  • Erlebt und geschrieben von Christoph Richert

Das Flugwetter im Juni liess etwas zu wünschen übrig, und so trafen sich viele Streckenflughungrige am 6. Juli auf der Scheidegg. Die Streckenflugprognosen liessen zumindest wieder einmal Hoffnungen zu. Die Motivation und gute Laune am Startplatz war mitreissend, und so wagte ich mich bereits um 12:02 ohne Vorflieger in die Luft. Es sah zu diesem Zeitpunkt jedoch eher nach Gleitflugbedingungen aus, weshalb ich mich sehr freute, als ich nach fünf Minuten noch nicht im Hüebli stand, sondern in langsamem Steigen die Scheidegg überhöhen konnte. Bald wagten sich auch die nächsten Streckenflieger in die Luft und fanden auf Anhieb einen etwas besseren Schlauch. Nach einiger Zeit befanden wir uns zu dritt auf 1600 Meter, bereit, die erste Querung zum Schwarzenberg anzutreten. Es freute mich, mit Flavio die ersten Kilometer zu machen, wie gewohnt zum Atzmännig und dann über den Ricken; der Weg wurde uns von Quellwolken gut angezeigt. Glücklicherweise fand Flavio vor dem Restaurant Egg einen guten Schlauch, der uns von tief über dem Wald relativ effizient an die Basis brachte. Dort trennten sich unsere Wege dann, Flavio entschied sich für die vordere Krete in Richtung Hüsliberg, und ich hielt direkt auf den Speer zu. Die Wolken zeigten mir weiterhin gut den Weg, und so konnte ich um 13:00 neben dem Speer vorbeischlüpfen – die erste Hürde war geschafft. Wie so oft hats hinter dem Speer recht stark runtergespült, und ich musste mich auf der Südseite des Mattstocks erst einmal wieder langsam hochkämpfen. Da es aber nicht so richtig hoch ging, musste ich wieder einmal tief weiter ins Lee des Leistchamms. Nun hat der Spass begonnen. Wie immer war es dort ungemütlich, aber es ging immerhin zuverlässig hoch. Ich konnte mich entscheiden: entweder ins Luv auf die Nordseite der Churfirsten in den Schatten der Quellwolken, oder eben auf die sonnige Südseite, ins Lee. Ich entschied mich für die Südseite, was ich jedoch wenige Sekunden später wieder bereute. Es war richtig ungemütlich – zu tiefe Basis, um über den Gipfeln zu fliegen. Also folgendermassen vorankämpfen: Im Windschatten der Berge kurz entspannen, um beim nächsten Spalt wieder auf die Zähne zu beissen, denn der Nordwind pfiff stark durch die Spalten. Ein wahrer Kampf bis zum Gonzen, wo ich wieder an die immer noch tiefe Basis gelangte. Nun die Querung übers Rheintal: Mir erschien es utopisch, dieses breite Tal mit 2000 Metern Höhe zu queren. Da ich aber keine andere Chance hatte, versuchte ich es einfach. Zum Glück erwischte ich genau das richtige Eck im Liechtensteinischen und konnte von tief unten wieder hochsoaren. Nun war ich endlich so weit, die hohe Basis im Prättigau war zum Greifen nah. Auf dem Vario erst 2,5 Stunden, und ich war pitschnass geschwitzt von den Strapazen. Diese waren aber auch jetzt noch nicht ganz überstanden, gefühlt war ich einfach immer im Lee – Falknis, Vilan und Chrüz waren überspült und unangenehm. Erst ob Klosters konnte ich dann endlich mal einen Schlauch im Luv finden, der mich an die Wolkenbasis auf eine komfortable Höhe von über 3000 Metern brachte. Nun konnte ich unter den Wolken durchsurfen. Ich checkte die Windwerte, und dies zeigte mir schnell, dass zurückfliegen gegen den Wind nicht sinnvoll war. So gings in für mich unbekanntes Terrain: Ein kurzer Abstecher nach Österreich in Richtung Scuol – gewaltige Berge und zum Glück sogar etwas Thermik darüber. Dies war der Moment, als ich einen weiten Heimweg auf sicher hatte. Nun bombastische Bedingungen, und obwohl mir die Gegend nicht so bekannt war, fand ich die Thermik meist schnell und kam gut voran. So gings nicht lange, und ich war ein zweites Mal in Österreich. Ich kannte die Gegend nicht, doch auf XC Track sah ich Sölden angezeigt, was ich nun zu meinem Ziel machte. Atemberaubende Natur, die auf mich wartete – hohe Berge, riesige Gletscher und enge Täler, doch leider auch immer mehr Wolken, die der Sonne das Durchkommen langsam aber sicher verunmöglichten. Mit einer letzten Thermik gelang es mir ganz knapp, ins Ötztal zu schleichen. Nun war leider das ganze Tal im Schatten, und sehr starker Talwind oder Nordwestwind blies. Irgendwie wollte ich so nicht landen, und deshalb soarte ich mich von Bergflanke zu Bergflanke weiter ins Tal hinein. Im hintersten Dorf, in Obergurgel, zwischen Heuseilen und einem reissenden Bach, landete ich zufrieden. Nun wartete das nächste Abenteuer: Znacht suchen, und eventuell auch einen Schlafplatz. Alles hatte in diesem Feriendorf schon zu, doch ein älterer Mann nahm sich meiner an. Ich bekam seinen Proviant sowie 20 Euro, und er organisierte mir ein Zimmer. Schön, gibt es solche Menschen. Christoph Richert, 14.8.2022 Als nächstes lade ich Pit Vollenweider dazu ein, mit uns ein tolles Flugerlebnis zu teilen.