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Starten statt warten


20. Februar 2024

Starten statt warten

  • Erlebt und geschrieben von Kurt Hemmann

Mit den Worten „Ich bin auch ein Flugzeug“ hat Chrigel Erne mir den Stafetten-Stab übergeben. Was für mich eine grosse Ehre ist, aber auch ein bisschen eine Belastung, denn würde ich mich auf den Track des Fluges fixieren, den Chrigel beschrieben hat – ohne grosse Erwartungen ging er mal kurz auf die Alp Scheidegg und hat dann locker einen 150-km-Flug hingelegt - könnte ich mit meinen bescheidenen Flügen gleich zusammenpacken.

Chrigel kenne ich seit meinen ersten Tagen als Flugschüler, er hatte auch bei Brandi gelernt. Und von Anfang an schätze ich seine Geduld, seine Hilfsbereitschaft und seine bescheidene, kameradschaftliche Art, sodass es eben doch gar keine Rolle spielt, wie lang seine und wie kurz meine Flüge sind.

Ich werde drum den Fokus auf besondere, bleibende Erlebnisse aus meinem Fliegerleben setzen. 2013 wurde ich vom Freiflug-Virus befallen, und «vol libre» beinhaltet ja ein Stück Freiheit, möglichst ohne Regeln. Aber ich will ja keinen Rüffel von unserem Präsi einfangen, drum beginne ich – wie gemäss Stafetten-Reglement erwünscht – mit einem Flugerlebnis von der Scheidegg, welches zugleich einen ersten Höhepunkt meiner Flugbahn (Laufbahn würde es ja wohl nicht treffen) bildet.

Ich war noch Schüler, wir übten auf der Scheidegg, als ich Brandi über den Funk sagen hörte: «So, es sind alle unten, da geht nichts mehr, wir packen zusammen. Ja, aber wo ist denn Kurt?»

Worauf ich die Stimme meines bereits brevetierten Freundes, der mich zum Fliegen brachte, hörte: «Da oben!» Ich vermute, dass Brandi etwas ungläubig den Kopf hob, jedenfalls schaute er lange hinauf, als er sah, dass ich als einziger vielleicht hundert oder zweihundert Meter über dem Startplatz immer noch am Kreisen war!

Das Video zeigt zwar nicht die Landung von diesem Flug, aber ich habe Freude daran, wie sie eine brasilianische Freundin gefilmt und vertont hat.

Als Freiflieger erlaube ich mir jetzt, die Scheidegg zu verlassen, es geht nach Flims, zum traditionellen Saison-Schluss-Fliegen vor einigen Jahren, anfangs Dezember mit der Brandi-Truppe. Auch hier kann ich nicht mit Kilometern glänzen, aber die prägenden Erlebnisse sind für jede und jeden ja etwas anders gelagert. Am Sonntag zeigte sich das Wetter von seiner bescheidenen Seite, oben war wegen Nebel nicht an fliegen zu denken. Wir fuhren mit dem Bus bis auf halbe Höhe der Sesselbahn Falera, und kaum waren die Schirme ausgelegt, kam prompt leichter Abwind auf. Da kam Brandi zu mir und meinte grosszügig, da müsse ich nicht starten, die Jungen könnten da «secklen», aber mir würde kein Stein aus der Krone fallen, wenn ich wieder zusammenpacke.

Nichts da, sooo alt bin ich doch noch nicht, und wir waren am oberen Rand einer beinahe endlosen und ideal geneigten Wiese ohne Hindernisse. Ich machte mich startbereit, rannte los, rannte und führte den Schirm, wie ich es gelernt hatte, so lange, bis er endlich über mir stand. Und hob ab! Worauf einmal mehr der Funk zum Einsatz kam: «Nei, das hetti nie tänkt, dass er i d’Luft chunt!»

Ja, in die Luft kommen wollte und will ich immer (auch wenn es nicht immer gleich gut gelingt, aber davon soll hier nicht die Rede sein) – um nochmals auf die Scheidegg zurückzukommen: Lieber das Risiko eines Abgleiters und halt wieder raufstöppeln, als nur oben auf bessere Zeiten zu warten!

Und somit möchte ich meinen kleinen Bericht mit einem weiteren Erlebnis dazu beenden. Auch da geht es um Starten statt Warten, und es bildet gleichzeitig auch den Bogen über meine bisherige Fliegerkarriere, es war im letzten November in Algodonales (Südspanien).

Was bescheiden begann, entwickelte sich zu einem Hammertag, auf unerwartete und tolle Weise: Gegen Mittag fuhren wir zu einem für mich neuen Startplatz. Der Himmel war noch bedeckt, und gut drei Dutzend Piloten warteten auf bessere Thermik-Zeiten. Es können dort nur zwei aufs Mal starten, auf der Seite machst du dich bereit, und dann startet einer nach dem andern.

Da hatte ich als einziger keine Lust zu warten, sodass ich meinen Schirm gemütlich direkt am Start auslegen konnte, ein Schweizer Dummy kam da grad recht. Start bei Nullwind von hinten in Erwartung eines Abgleiters. Dann sah ich über einem Felsband sicher mehr als fünfzig Gänsegeier kreisen, flog dorthin, und es wurde einer meiner intensivsten Flüge ever: Der Aufwind reichte grad knapp auch für mich, und ich konnte während etwa fünf Minuten mit den majestätischen Vögeln kreisen, die über und unter und neben mir ihre Runden drehten: Das war wahnsinnig eindrücklich, ein wahres Glücksgefühl überwältigte mich, das werde ich so schnell nicht vergessen!

Dann liess der Aufwind nach und die Vögel zogen weiter und zerstreuten sich, und ich war der Einzige, der dieses Schauspiel geniessen konnte. Landung dann nach zwanzig Minuten, also doch etwas mehr als ein Abgleiter, aber vor allem ein einmaliges Erlebnis; und später dann noch ein einstündiger Soaring-Abendflug: Ein rundum gelungener Tag!

Und es war auch der erste Tag, an dem ich bedauerte, ohne Kamera in der Luft zu sein.

Schliessen möchte ich mit den Worten des grossartigen portugiesischen Lyrikers Fernando Pessoa. Ein kurzes Gedicht gibt genau das wieder, was ich beim Fliegen und in der verbindenden Kameradschaft mit anderen Pilotinnen und Piloten empfinde, und ich möchte damit all jenen danken, die mich auf meinem Weg begleitet haben und noch begleiten werden:

 

O valor das coisas não está no tempo em que elas duram,

mas na intensidade com que acontecem.

Por isso existem momentos inesquecíveis,

coisas inexplicáveis e pessoas incomparáveis!”

 

Der Wert der Dinge liegt nicht in der Zeit, die sie andauern,

sondern in der Intensität, mit der sie geschehen.

Deshalb gibt es unvergessliche Momente,

unerklärliche Dinge und einzigartige Menschen!“

 

(Wer mag, kann ‘Dinge’ durch ‘Flüge’ ersetzen…)

 

Es gäbe noch viel zu erzählen, aber das lassen die maximal erlaubten 6000 Zeichen nicht zu. Gerne gebe ich deshalb den Stab weiter an Markus Huber, und bin gespannt, wie er die im Vergleich zu mir ungleich grössere Herausforderung der beschränkten Anzahl Zeichen meistert, ist er doch seit 1983 begeisterter Drachen- und Gleitschirmflieger!

 

 

Kurt Hemmann