Skip to main content

Scheidegg Erinnerungen – Mark Bugmann


21. Februar 2023

Scheidegg Erinnerungen – Mark Bugmann

  • Erlebt und geschrieben von Mark Bugmann

Mit leichtem, aber bestimmtem Zug steigt mein Edel Prime gemächlich hoch und seine 42 Quadratmeter füllen sich im steten Aufwind, der übers kurze, saftige Gras der Alp Scheidegg streicht. Ich drehe mich aus, spreche ruhig aber bestimmt zu meinem Sohn, dass jetzt noch ein paar kräftige Schritte zu laufen sind. Es ist sein Erstflug. Seine Beine zappeln schon in der Luft, der Fahrtwind rauscht, wir heben ab...

Schon als Kleinkind zeigten mir meine Eltern die Welt der grossen Berge, die Surselva wurde zu meiner zweiten Heimat. Kein Wunder fühle ich mich auch als Gleitschirmflieger bis heute mit den Bündner Bergen besonders verbunden – die meisten meiner kleinen und grossen Flugerlebnisse spielten und spielen sich dort ab.

Aber gefragt in dieser Serie sind eigentlich Erlebnisse und Berichte mit der Alp Scheideeg – und auch mit ihr habe ich meine eigene und lange Geschichte. Ende der 80er Jahre lernte ich sie als Flugschüler kennen, unsere Flugschule aus dem Alpstein machte gelegentlich hier Halt. Einmal brevetiert, ruckelten wir Winterthurer dann mit dem Zug durchs Tösstal und versuchten, möglichst weit nach Winterthur zurückzufliegen. Das erste Gadget, einen Variopiepser, hatten wir als stolze Neuerwerbung schon dabei, aber Aufzeichnungsgeräte, Luftraumhinweise usw. waren noch nicht erfunden, von grossen Streckenflügen träumte auch noch niemand wirklich. Als wir dann einst über Bichelsee die einzelnen Fenster von Linienmaschinen einige Kilometer entfernt ausmachen konnten, war uns bewusst: hier sollten wir wohl nicht sein... Dann halt in die andere Richtung: Ich erinnere mich an einen Flug, in dem ich es mit meiner Matratze – die Dinger sahen echt noch nicht wie Flügel aus – irgendwie trotzdem bis nach Weesen schaffte. Es war unbeschreiblich. Weder geplant, noch geträumt, einfach drauflosgeflogen. Keine Aufzeichnung, kein Foto, nix. Kein Wunder wollte mir das erst niemand richtig glauben, ich konnte es ja kaum selbst fassen!

Jahre später, zurück aus dem Ausland, liessen wir uns als Familie im Zürcher Oberland nieder. Ich entdeckte die Scheidegg neu und wurde Mitglied im DCZO. Auch wenn ich, wie eingangs erwähnt, nicht oft auf der Scheidegg anzutreffen bin, so erinnere ich mich doch auch ohne Flugbuch und Fotos an viele tolle Flüge, die sich manchmal auch überraschend einstellten – so z.B. nach der Arbeit am bereits späteren Nachmittag zur Scheidi hochgefahren, um dann mit Westwind-verbogenen,  starken, aber ruhigen Thermiken in weniger als 2 Stunden bis zum Hohen Kasten verfrachtet zu werden – das waren in den 90er Jahren noch Hammerflüge, die unvergesslich geblieben sind.

Aber hier möchte ich einen besonderen Flug (eigentlich zwei) aus der Erinnerung herausgreifen, der weder hoch noch weit ist, aber mit besonderen Gefühlen verbunden ist – und zudem hat eine Unbekannte auch noch Fotos gemacht, die danach den Weg zu mir gefunden haben. Irgendwo in einem meiner vielen handgeschriebenen Flugbüchern aus der damaligen Zeit würde auch noch das Datum stehen – but who cares. Aber die Erinnerungen sind noch so frisch, wie wenn es gestern gewesen wäre...

Wir heben ab. Und zwar ziemlich als erste. Niemand weiss, ob es schon trägt. Trägt es überhaupt heute? Keine Wölkchen, auch keine deutlichen Ablösungen. Und es ist schon bald Mittag. Mit meinem noch jungen Sohn bin ich sehr auf der leichten Seite der optimalen Beladung für meinen Prime, aber der Flügel steigt dann unheimlich gut – das erste Biplace-Modell, das mit Solo-Schirmen mithalten kann. So entscheide ich mich zu starten, denn wenn die vielen Flieger (ich erinnere mich nicht, eine Frau gesehen zu haben) alle in der Luft sind, wird es gerade mit dem Bi schwierig, genau dort zu fliegen und zu kreisen, wo man möchte. Es blubbert und schüchterne, kleine Heber sind spürbar. Innerlich ärgere ich mich schon ein wenig: zu früh gestartet, zu wenig Geduld. Ich finde nichts Brauchbares zum Steigen und wir sinken unterm Strich, egal wo wir hinfliegen. Natürlich beobachten uns alle, niemand startet. Dann so eine Eingebung. Weg von hier, was anderes versuchen und zwar ganze vorne draussen. Bremsen frei und zum Josi an die Südostflanke gleiten, da müsste die Sonne doch reinbrennen und aufheizen. Ich versuche, meinem Sohn zuzuhören, der begeistert ist und drauflos plappert, aber der fliegerische Ehrgeiz sitzt tiefer als das Vater-Sohn-Geplänkel. Das Vario piepst kurz, um auch gleich kläglich wieder zu verstummen, aber wenigstens wiederholt. Also da IST doch was. Ich überwinde mich, den Flügel selber suchen zu lassen. Tatsächlich, er beginnt plötzlich in eine Richtung zu ziehen, das Vario schlägt an, wird stärker, behutsam versuche ich in diesem Aufwind zu bleiben, bringe meinem Sohn das Reinhängen zu einer Seite bei. Das Steigen wird konstant, das Vario schneller und lauter, wie mein Herzschlag. Linke Hand runter und richtig eindrehen. Den Schlauch lasse ich nicht mehr los und langsam, aber sicher verschwindet der Josenberg unter uns und irgendwann sind wir in diesem tollen Schlauch höher als die Scheidegg. Dort sind plötzlich viele Schirme ausgelegt und einer nach dem anderen haut sich raus. Schon bald tummeln wir uns alle zusammen zwei-, dreihundert Meter über unserem Spielplatz, herrlich!

Wir sind schon einiges über einer Stunde in der Luft, mein Sohn kann nicht genug kriegen, er findet es einfach toll. Schlecht wird ihm zum Glück auch nicht. Da kommt mir eine Idee: Wie wär’s mit einlanden und Essen in der Scheidegg-Beiz? Wir können nachher nochmals fliegen. Die Aussicht auf Pommes und einen zweiten Flug überzeugen ihn. Gesagt, getan. Wir raffen den Schirm zusammen, legen alles unter den grossen Baum und stehen einigen Schaulustigen noch Red und Antwort. Eine Wanderin hat mit ihrer Digitalkamera (hey, über das erste Smartphone gab es erst Gerüchte!) Bilder von uns gemacht, die sie uns gerne schicken würde. Na gerne doch, herzlichen Dank!

Die Pommes und alles andere schmecken mit diesem Abenteuer hinter uns und noch einem vor uns besonders gut. Wir schauen den anderen von der Terrasse aus zu. Viele müssen landen gehen und nur wenige können sich halten. Es eilt also nicht. Wir genehmigen uns noch einen Dessert. Schliesslich muss der erfolgreiche Erstflug vom Sohnemann gefeiert werden. Mit dem alten Nokia-Knochen noch ein Telefon an Frau und Tochter, die zuhause geblieben sind, denn heute ist Männertag. Vorschwärmen, was für Helden der Lüfte wir doch sind. Meine Frau sieht das dann immer etwas gelassener als ich selber. 

Wie die Zeit vergeht. Mittlerweile ist fast niemand mehr in der Luft und die Schatten werden schon länger. Wird wohl einen Abgleiter geben. Irgendwie werden wir schon wieder hochkommen zu unserem Auto. Es ist fast niemand mehr am Startplatz. Wir legen aus, starten unverzüglich und gleiten in die schon recht tief stehende Sonne hinaus. Ich suche gar nicht erst nach Thermik. Sehe keinen mehr, der überhöht hat. Einfach geniessen. So kommen wir sehr hoch über dem Hüebli an. Ich ziehen einen riesengrossen, sanften Kreis Richtung Josenberg. Das Vario meldet sich, zaghaft, aber unablässig. Ich staune. Praktisch der gleiche Ort wie vor ein paar Stunden. Wie ist denn das möglich? Die Sonne steht doch ganz anders. Egal, geniessen wir die Flugverlängerung! Das Steigen bleibt, ich beginne ganz sanft einzudrehen. „Papa, geht das hier einfach immer so hoch , wie ein Lift?“ Keine Ahnung, mein Sohn. Geniess es einfach. Wir brauchen fast 20 Minuten, bis wir wieder über der Scheidegg hängen. Dann verlieren wir den Schlauch oder er hat sich aufgelöst. Wir können nochmals einsam toplanden, packen ruhig zusammen und schlendern zum Auto. Mein Sohn schläft noch auf dem Heimweg nach Wernetshausen ein, während ich die Hochgefühle dieses Tages bei ganz gemächlicher Autofahrt sanft verebben lasse. Nicht hoch, nicht weit, nicht lang, und objektiv gesehen auch nicht spektakulär. Aber doch sehr, sehr eindrücklich und erhebend. Und das noch mit meinem eigenem Sohn teilen können. Besser geht’s nicht.

Mark Bugmann

Nun freue mich darauf, was mein Flugkamerad Andy Schumacher in der nächsten Folge berichten wird.