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Flüügerläbe


08. Juni 2023

Flüügerläbe

  • Erlebt und geschrieben von Jürg Bass
Toplandung Marmolata (v.l.n.r.: Jürg Bass, Fritz Härtli)
Toplandung Marmolata (v.l.n.r.: Jürg Bass, Fritz Härtli)

Danke Dir, Fritz, für die Weitergabe des Stabes, aber vor allem für die vielen gemeinsamen, unvergesslichen Flugerlebnisse, welche so oft von Dir angestossen wurden - schön hat der Tiger Dich nicht erwischt :-)

Danke auch allen anderen Vorschreibern, ich habe Eure Texte sehr gerne gelesen - die Latte hättet Ihr ruhig etwas weniger hoch legen können!

Da ich aus der unglaublichen Anzahl von wahnsinnig schönen, einigen mittelmässigen, ganz wenigen schlimmen und einem wahnsinnig fürchterlichen Flug, mich nicht für einen einzelnen entscheiden konnte, wollte ich eigentlich zuerst etwas über mein ganzes Fliegerleben schreiben. Bei Seite 24 habe ich allerdings festgestellt (ich war noch nicht mal über das Jahr 1989 herausgekommen!), dass dies definitiv dieses coole neue Format sprengen würde.

Fritz hat mir vorgeschlagen, ich soll doch die Geschichte von unserer Tubeltrophy auf den Piton de Neiges (La Réunion) bringen, ich sei ja dort der Held gewesen. Sehr verlockend, sind wir doch alle so gerne Helden. Und das wäre sogar nicht einmal eine dieser obertypischen Gleitschirm-Helden-Geschichten gewesen, mit «…und dann war ich sooo tief, und dann war nur ich sooo hoch, und dann war ich sooo glücklich…» nein, diese Geschichte hat ganz andere Ecken und vor allem Kanten. Ich werde sie in 20 Jahren bringen, falls ich nochmals drankommen sollte. Bis dahin werden Fritz und ich sie noch etwas ausschmücken.

Firebird X3 Landung Rotenflueh

Nänäi, heute philosophiere ich lieber ein bisschen über das Fliegen ganz allgemein und warum es mich über einen so langen Zeitraum dermassen begeistert und eingenommen hat. Typisches Scheidegg-Bänkli-Geplapper, halt.

Dazu müssen wir ganz weit zurückspulen. Meine Eltern haben mir erzählt, dass ich ab 3 Jahren eigentlich fast jede Nacht vom Fliegen geträumt und am Morgen davon erzählt hätte – ohne irgendwelches Gerödel konnte ich so hoch und so weit fliegen wie ich wollte, genial!

Als ich dann 1988 den ersten Hüpfer mit dem Gleitschirm eines Freundes machte, war das schlicht und einfach das Nächstbeste, um die Sehnsucht nach diesem Ur-Gefühl des Fliegens tief in mir drin zu stillen!

Ich höre zwar heute noch die Stimme des Bauern (hoch zu Ross, die welche schon sehr lange fliegen, wissen, wen ich meine): «…und wänn i feuf Minute na da bisch, chummi zrugg und schüss uf Di!», aber durchgedrungen war der nicht zu mir. Ich stand einfach dort, hatte nur noch einen Schuh an, war mit Kuhscheisse beschmiert und der allerglücklichste Mensch auf Erden.

Cape lookout Oregon

Rückblickend war dieser erste Flug der Anfang einer Sucht, welche über 30 Jahre anhalten sollte.

Ich habe danach noch viel ausprobiert, Helis, Motor- und Segelflieger, aber nichts hat mich dermassen in den Bann ziehen können wie ein Gleitschirm. Diese ungeheure, ja schon freche Einfachheit, Unkompliziertheit! Natürlich kann man mit Segelfliegern und Co. weiter und schneller fliegen, aber:

die Möglichkeit, irgendwo an einer Soaringkante ständig wieder den Boden zu berühren, nur um gleich wieder zu fliegen – wie geil ist das denn?! Mit dem eigenen Flieger auf dem Rücken in ferne Länder zu reisen und die Welt dort von oben zu entdecken – mega cool! Mit all den alten und neuen Originalen auf der Scheidegg zu höckeln und rumzugurken – party time!

Selbstverständlich hat diese Sucht auch ihre ganzen Begleiterscheinungen.

Das soziale Umfeld wird über kurz oder lang umgekrempelt, man kann schliesslich nicht mit Muggels über Gleitschirmthemen diskutieren. An schönen Tagen die runden Geburtstage der Verwandtschaft zu feiern war schon vorher schlimm, aber als Gleitschirmflieger schlichtweg nicht mehr möglich. Und sorry Scheff, aber Karriere nur noch, wenn sie mich nicht zu sehr beim Fliegen behindert!

Dafür gewinnt man eine grosse Familie auf der ganzen Welt dazu. Wenn ich denke, wie oft ich mich auf meinen vielen Reisen gleich zuhause gefühlt habe, dank den Gleichgesinnten um mich herum, einfach einmalig.

Nur, um dann auch wieder einmal ganz alleine auf einem Berg oder an einer Soaringkante zu stehen - welch erhabenes Gefühl, wenn der Plan aufgeht.

Nichts anderes hat mich auch nur annähernd solange begeistern können wie das Gleitschirmfliegen. Fliegen ist ein life style, ein Lebensgefühl!

Loreto Mexico

Aber wo Licht ist, ist auch Schatten.

Dieser eine, ganz fürchterliche Flug noch in den ersten Jahren, hat lebenslange Konsequenzen. Mein unterbewusstes Frühwarnsystem wurde dadurch über Nacht neu programmiert und sprach danach ganz oft viel zu früh an. Es dauert Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, dieses wieder in einen normalen Bereich zu verschieben. Aber die menschliche Resilienz ist nicht zu unterschätzen. Vorausgesetzt, die Motivation wieder zu fliegen, ist gross genug.

Heute denke ich, dass es ein Riesenglück war, genau in die Zeit geboren worden zu sein, als das Gleitschirmfliegen sich so entfaltet hat. Ich hätte mir kein besseres und ausgefüllteres Dasein in den letzten 35 Jahren vorstellen können als genau dieses Fliegerleben, mit all den crazy Charakteren und guten Fliegerfreunden, welche dazugehören.

Erst in den letzten paar Jahren hat diese Sucht merklich nachgelassen. Heute kann ich tatsächlich auch prima am Boden stehen wenn andere fliegen, ganz ohne nervöse Zuckungen zu haben. Ich geniesse es, mich nach der langen Zeit «oben» auch mal wieder am Boden umzuschauen, es gibt für mich auch hier «unten» wieder vieles zu entdecken.

Was ich mir noch erträume für die fliegerische Zukunft?

Da der Gleitschirm, trotz stetiger Verbesserungen, ja doch langsam ein ziemlich antiquiertes Teil ist, hoffe ich, dass irgendjemand das ganze Thema nochmals komplett anders angeht - ohne dass die Einfachheit flöten geht. 10 km/h mehr erfliegbare top speed über alle Klassen wäre schön, Klapper systembedingt unmöglich und Retterfrass schreit förmlich nach einer besseren Lösung.

Und in nicht allzu ferner Zukunft möchte ich wirklich mal noch mit einem Drohnenbike herumfetzen. Kleine Runde knapp über dem Walensee, hochziehen, einmal durch’s Martinsloch, rüber zu den Churfirsten und wieder nach Hause - nix Verrücktes, also :-)

So, das war’s, Freunde!

Gerne gebe ich den Stab an Mario Ackermann weiter und bin gespannt, welche seiner vielen Stories er aus dem Hut zaubert und uns mit seiner humorvollen Art daran teilhaben lässt :-)

      Torrey Pines San Diego