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Scheidegg spontan


06. Januar 2024

Scheidegg spontan

  • Erlebt und geschrieben von Chrigel Erne

Am Vorabend war ich noch mit meiner Freundin unterwegs und mochte deshalb nicht so früh aus den Federn. So ist es mir letztes Jahr öfters ergangen, und überhaupt waren mir die grossen Distanzflüge auch nicht mehr so wichtig. Also habe ich etwa bis 8 Uhr ausgeschlafen und beim Frühstück die Wetterprognosen studiert. Xc-therm versprach auf den ersten Blick nichts Gutes.

 

und den zweiten Blick hab’ ich weggelassen.

 

 

Also habe ich mich nicht für einen guten Streckenflugstartplatz entschieden, sondern für ein Hike and Fly auf die Scheidegg. Ich bin mit Bus und Bahn nach Fischenthal gefahren. Die Route über Bauma gefällt mir sehr gut und beruhigt mich irgendwie… Neuthal, der schöne Bahnhof in Bauma, das Tösstal… Ausnahmsweise bin ich in Fischenthal ausgestiegen, und nach einigen hundert Metern Fussweg… hab’ ich die Schuhe ausgezogen. Ich hatte nämlich kürzlich ein Gespräch übers Barfusslaufen und war voll motiviert, das wieder mal auszuprobieren. Mittlerweile bin ich schon drei bis vier Mal ohne Schuhe hochgelaufen und finde es sehr wohltuend, wenn sich nicht – trotz aller Konzentration – ein spitzer Stein oder ein Rosenstachel in die Ferse bohrt. Dank dem vorsichtigen Auftreten schone ich auch meine lottrigen Knie.

Am Startplatz
Nur Bares ist Wahres.

 

 

Das Gewicht meiner «Normalausrüstung» beträgt 30 Kilos. Darum geniesse ich kürzere hike and fly-Touren wieder, seit ich vor etwa zwei Jahren eine leichte Ausrüstung erhalten habe. Zu Fuss kann ich die kleinen Dinge bestaunen, wie z.B. die Raubfliege, die einen Marienkäfer verspeist auf meiner Hand.

 

 

 

Oben angekommen hab’ ich noch ein paar Worte mit Oli gewechselt und er hat mich beim Start fotografiert.

 

 

Oberhalb Hischwil habe ich die erste Thermik erwischt, bis 100 Meter über Startplatz, dann durch den Kessel ohne Steigen, dafür mit steigender Angst vor dem Absaufen. Ganz hinten ging es dann aber ordentlich bis 1600 Meter rauf und ich habe – optimistisch geworden – den Hüttchopf in’s Visier genommen. Upps, da ging aber gar nichts. Bei der Strahlegg hab ich aber bis jetzt immer etwas gefunden und unter dem Schnebelhorn wohnt ein Freund, den ich bei unfreiwilligem Grounding besucht hätte. Mit dem Besuch wurde aber nichts, weil ich mit 3 m/s Steigen eher darauf achten musste, nicht in den Luftraum gesogen zu werden. Beim Schnebelhorn dachte ich immer noch daran, auf die Scheidegg zurück zu fliegen. Aber beim Tweralpspitz konnte ich St.Gallen sehen, und da hat mich das Fernweh gepackt. (Siehe Track)

Einige Meter nachdem ich unter dem Dübendorfer Luftraum durch war, konnte ich schon auf 1800 Meter steigen und Wattwil überfliegen. Auf der anderen Talseite ging’s dann schon auf 2000 Meter, yeah! Aber nahe bei Hundwil waren schon wieder 1000 Höhenmeter vernichtet. Da wurde es dann aber wirklich knapp. Nahe über Boden hab ich leichtes Steigen erwischt und konnte mich mit vielen Kreisen, Geduld und Nordwestwind über die Hundwiler Höhi versetzen lassen. Dann wohlbekannt Richtung Ebenalp und weiter zum Hohen Kasten. Da war ich doch schon mal – und hatte mich für eine Rheintalquerung entschieden. Damals bin ich dann aber auf der Österreicher Seite nicht mehr über einen weiterführenden Level gekommen, und nach einer Stunde Kratzen vor einem Meditationszentrum, wo ich die auf der Wiese Meditierenden ziemlich aus ihrem Konzept geflogen habe, entschied ich mich zum Abbrechen. Nicht so dieses Mal. Über den gegen Osten höher werdenden Bergen hatten sich Wolken gebildet und ich schlich mich mit schwacher Thermik und zunehmendem Nordostwind den Grat hoch. Von da an hatte ich keine Ahnung mehr, was mich für Täler und Berge erwarten. Aber was soll’s. Ich habe Österreich bis jetzt sehr gastfreundlich erlebt. Zweimal „musste“ ich schon bei Leuten übernachten und auch zweimal haben mich im Garten arbeitende Frauen zum Jausen (Kaffee und Kuchen) eingeladen, bevor sie mich zu weit entfernten Bahnhöfen gefahren haben. Also weiterfliegen. Die Bewölkung nahm immer mehr zu und die Szenerie verdunkelte sich zusehends. Ohne zu merken habe ich dann die Grenze nach Deutschland überquert und bin bei Oberstdorf vorbeigeflogen, um gleich wieder nach Österreich zu wechseln. Ich drehte nochmals auf ca. 2500 Meter auf, um dann ins Tal auszugleiten. Der Regenradar zeigte mir nämlich Regenzellen, die mich weiter nördlich verfolgten, und es war alles voll abgeschattet. Hinter mir wurde die Sicht auch zunehmend schlechter. Mit Rückenwind und wenig Sinken kam ich noch gut voran. Immer bei den Endanflügen finde ich sehr spannend, wie weit ich noch komme. Das Tal verengte sich, und ich bin mehr und mehr in den Talwind und somit auch Gegenwind gesunken. Knapp erreichte ich eine tiefliegende Krete, an der ich noch das letzte Steigen des Fluges geniessen konnte, und die Aussicht auf eine Flughafenpiste in unmittelbarer Nähe. Wie schön, denn anscheinend braucht es da keinen Extra-Luftraum dafür. Mit zügigem Gegenwind und Turbulenzen konnte ich mich noch bis in die Nähe des Bahnhofs kämpfen. „Wow! Geil!“. Zusammenpacken, Wetter für den nächsten Tag checken und dann die heranrückende Kaltfront akzeptieren. Das heisst, dass ich mich gleich auf den Weg Richtung Heimat machte. Ich entschied mich für die Route über Innsbruck. Von Reutte im Zug über Lermoos, nach Garmisch-Partenkirchen. Bis der Flix-Bus eintraf, konnte ich den Hunger mit käseüberbackenen Chips befriedigen und mich unterhalten. Das geht besonders gut, wenn der Hormonspiegel vom Flug her noch einen anregenden Level hat, finde ich. In Innsbruck bin ich dann etwa um ein Uhr nachts angekommen. Ich legte mich im vollen Warteraum schlafen und wurde leider ein bisschen früh von übereifrigen, uniformierten Wachpersonen geweckt, die uns nicht grad eben gastfreundlich raus komplimentierten. Der Zug sollte aber schon bald fahren. Sollte er, aber machte er nicht. Irgendwann fuhr dann einer, ziemlich stockend, Richtung Zürich und ich hatte eine interessante Fahrt, inmitten einer lustigen Gruppe von Ungaren. Und schon bald endete mein „spontaner Scheidegg-Hike and Fly“.

„Ich bin auch ein Flugzeug“.

 

Kurt Hemmann auch, und er nimmt den Stab als nächster.